Kunst-Kabinett Usedom

Feininger-Galerie Benz

Björn Engholm und Armin Mueller-Stahl

Björn Engholm (links) mit Armin Mueller-Stahl in Braunschweig, 2011. Ausstellung Braunschweigische Landesbank (NORD/LB), Braunschweig. Foto: Braunschweigische Landesbank (NORD/LB), Braunschweig.


„Ich bin Ostpreuße....“

Armin Müller-Stahl: Mime, Musiker, Maler, Poet

Von Björn Engholm, Lübeck

Als er jüngst den Marktplatz der alten Hansestadt Lübeck überquerte, ein Herr in den besten, gehobenen Jahren, stockte den Besucherinnen aus dem Westfälischen der Atem. „Er ist es“, stieß eine Dame hervor, „Thomas Mann!!!!“ Mit einer knappen Verbeugung bog Armin Müller-Stahl um die Ecke, Richtung St. Marien...

Einige Filme, sagt er, seien ihm recht gut gelungen, vielleicht ein Dutzend oder einige mehr, und cum grano salis gehöre die Rolle der hansischen Großbürgers und Literaturnobelpreisträgers Thomas Mann wohl dazu. Was, gelinde gesagt, denn doch stark untertrieben ist.

Aber Understatement, besser Bescheidung, ist ein hervorstechender Charakterzug des Mimen, der ihn von anderen Großen wohltuend unterscheidet. Bescheidenheit sei der beste Ratgeber, der vor Eitelkeit, dem schlechtesten Weggefährten, bewahre, meint er – und erzählt mit verschmitzem Lächeln die Geschichte des selbstverliebten Hamlet-Darstellers, der seine Bewunderer von seiner Uneitelkeit überzeugen möchte: „ Heute spreche ich nicht von mir, sondern über Euch: Wie hat Euch mein Hamlet gefallen?“

Begonnen hat alles in Tilsit, wo er 1930 geboren und in einem gut situierten Elternhaus aufgezogen wird. Die Großmutter ist Malerin; der Vater (Lebenstraum: Schauspielerei!) zitiert Gedichte, erzählt Geschichten, übt mit der Familie Sketche ein; die Mutter ist allem Kulturellen verbunden; Bücher, Bilder, Musik und Theater werden Müller-Stahl von Kind an zur Selbstverständlichkeit und die natürlichen Lebensumstände, die Weite, das Meer, das ostpreußische Land, dazu die mentalen Sonderheiten der Menschen, ihre Bedachtsamkeit, Zuverlässigkeit, das Unaufgesetzte prägen ihn zutiefst; so nimmt es nicht wunder, dass er heute im Schleswig-Holsteinischen, meeresnah, sein zuhause gefunden hat.

1949, die Familie ist vor Kriegsende nach Brandenburg gesiedelt, beginnt er ein Musikstudium am Sternschen Konservatorium Berlin, aber schon 1951 drängt es ihn in die Schauspielerausbildung, die 1952 zu ersten Engagements am Schiffbauerdamm und ab 1953 ins Ensemble der Volksbühne führen, dem er 25 Jahre treu bleibt. 1955 dann die erste Filmrolle, der rund 30 weitere folgen; er wird zum bewunderten Star des DDR-Kinos wie -Theaters.

1976 unterzeichnet er den Aufruf gegen die Ausbürgerung von Wolf Biermann – und erduldet zweieinhalb Jahre repressiven Totschweigens: „Lieber einen Knick in der Karriere als im Rückgrat!“ Als er schließlich die DDR verlässt, verliert der ostdeutsche Staat seinen vielleicht populärsten Schauspieler - der im Westen eine beispiellose zweite Karriere beginnt. Ob „Nackt unter Wölfen“, „Jakob der Lügner“, „Lola“, „Bittere Ernte“, „Oberst Redl“, ob „Music-Box“, „Kafka“, „Night on Earth“, „Die 12 Geschworenen“, „Shine“, ob „Thomas Mann“ oder die „Buddenbrooks“:

für Cineasten ein Muss.
Wer, wie Müller-Stahl, dieser Art Schauspiel beherrscht, findet nicht nur Spitzenregisseure wie Beyer, Gavras, Fassbinder (dessen Maxime, „Nicht die Länge, die Fülle des Lebens ist entscheidend“, ihm unvergesslich ist), Kluge, Schlöndorff, de Palma, Wajda oder Jarmusch, er spielt auch mit Partnern wie Adorf, Brandauer, Bisset, Clooney und Douglas, Goldberg und Guinnes, Hagen, Krug und Kidman, Malkovich und Matthes oder Schygulla und Thalbach. Und erhielt, was er verdient, u. a. vier Oscar-Nominierungen, den Golden Satellite, den Chaplin-Schuh, den Silbernen Bären, den Emmy, die Berlinale-Kamera, etc.

An Kollegen schätzt er besonders neben ihren darstellerischen Talenten „Normalität und Bodenhaftung wie bei Morgan Freeman oder George Clooney oder Iris Berben“ (mit der er die „Buddenbrooks“ unter Breloer`s Regie gedreht hat). Das gilt ihm als Kriterium auch für andere Metiers, die Politik etwa. Helmut Schmidt sei; „Klarsichtig, kantig, witzig – und nicht ohne gauklerisches Talent“. Und Mandela, dem er auf einem Filmempfang in Südafrika zwei Mal nacheinander vorgestellt wird und der ihn auffordert, doch gleich bei ihm zu bleiben, achtet er „die ungeheure Fähigkeit zur Vergebung, seine überwältigende Menschlichkeit“.

Was ihm Sorgen bereite? Vor allem der allgegenwärtige Zwang, die Gier nach „immer mehr, immer schneller, immer größer“, die offenkundig wachsenden Ungerechtigkeiten, das Auseinanderdriften des Lebensniveaus, bereiten ihm Sorgen. „Ohne Not leben dürften, etwas mehr haben, als zum Leben benötigt: Gibt es ein größeres Privileg?“ Und gebe es eine vornehmere Verpflichtung derer, die an den politischen und gesellschaftlichen Machthebeln sitzen, als eine auskömmliche Existenz möglichst vielen zu eröffnen? Würde, gegenseitige Achtung und solidarisches Miteinander: sein ostpreußischer Landsmann, der Königsberger Philosoph Kant, „hat das unnachahmlich beschrieben – man mss sich nur dessen und des eigenen Verstandes bedienen...“

Was macht ein Schauspieler, und, nicht zu vergessen, ein erfolgreicher Autor, wenn der Kopf rollenvoll ist, wenn eine neue Rolle Einlass begehrt, bevor die alte Auszug gehalten hat? Müller-Stahl löst das Problem auf zweierlei Weise. Zum einen nimmt er seine Geige zur Hand und „streicht die Knoten aus der Seele“, lüftet den Kopf, öffnet den Speicher für neue Eindrücke, für Bilder, die Musik gebären. César Franck, dessen A-Dur-Sonate er liebt, gehört zu seinen bevorzugten Komponisten, auch Martinú ist ihm nahe, und zu DDR-Zeiten war er als geachteter Violinist mit Bach und Beethoven auf internationalen Konzerttourneen.

Zum anderen arbeitet er bildkünstlerisch, genauer: skizziert, zeichnet, radiert, aquarelliert, malt in Acryl und Mischtechnik. Was schon in frühen Jahren begann, hat sich in den vergangenen zwei Jahrzehnten zu einer beachtlichen – und viel beachteten – Profession entwickelt: hinreißende Skizzen, während der Drehpausen auf Rollentexte geworfen, filmbezogene Lithos und Malereien (wie zu „Night on Earth“); ganze Werkkomplexe, etwa „Hamlet in Amerika“, in denen das Schicksal alternder, ausgemusterter, abseits der Glamourwelten in Altersheimen siechender Mimen abgebildet wird, gleichsam Hamlets „The Rest in silence“; ein dichter „Urfaust“-Zyklus, das faustische Grundthema der Menschen zwischen ewigem Himmelhochjauchzen und Todbetrübnis, thematisierend; der mit über 100 Arbeiten größte Werkkomplex „Venice“, der von Hoffen und Verzweifeln, Schönheit und Verfall auf dem Jahrmarkt der Eitelkeiten in Venice Beach erzählt; oder die feinsinnigen Acryl-Hommagen an die großen Komponisten von Brahms bis Carl Maria von Weber....

Inzwischen auch Landschaften, kraftvoll, farbmächtig, Panoramen mit Elementen der Abstraktion – eine stete Weiterentwicklung. Und ganz ohne Frage steht die Bildkunst heute im Zentrum von Mueller-Stahls Schaffen! In allen Bereichen seiner Malerei fängt er Menschen, Haltungen, Situationen ein, tastet sie sorgsam auf ihre Wesensgehalte ab, erfasst ihren Kern, ihren Gehalt, und hält das Ergebnis mit sparsamen, oft minimalistischem Strich fest. So entstehen Bilder, die dem Realen verbunden sind, ohne es natural abzubilden, Bilder, die mühelos den alten Antagonismus von Figuration versus Abstraktion überwinden, Bilder zugleich, die von Empathie künden, von der Verbundenheit des Künstlers mit dem Menschen, die ihm nie nur Objekt sind.

In seinem Atelier im schönen, aber nicht überkandidelten Wohnhaus am Strand des Mare Balicum, wo er eine Hälfte des Jahres verbringt (die andere an den Gestaden des kalifornischen Pazifik), stapeln sich mehrere tausend Arbeiten. Ob „hingehauen“ oder exakt bis auf den letzten Quadratzentimeter durchgearbeitet: die eigene Handschrift, der genuine Ausdruck verleihen den Bildern eine hohe Authentizität. Das in großen Grafikschränken ruhende Material, darunter einige komplette übermalte Rollentexte, reicht für wenigstens zwei Dutzend Vernissagen und eben so viele Kataloge. Ein Hinweis auf künftige Arbeits-schwerpunkte...

Eines der großformatigen Bilder, „sechs Stühle“, mit seitlich verwischenden Konturen, erinnert an die bleierne Zeit in der DDR und seinem Bekenntnis zu Biermann. „Mehr Freunde gab es damals kaum“, äußert er nachdenklich, ohne erkennbare Verbitterung. „Viele haben uns gemieden, die Straßenseite gewechselt, weil sie Nachteile befürchteten“, fügt Ehefrau Gabi, Fachärztin und seit 34 Jahren mit ihm verheiratet, hinzu. Andere, wie der Schriftsteller Stefan Heym oder Frank Beyer, Weiland, Spitzenregisseur in Ostberlin, oder alte Freunde wie Jurek Becker und Manfred Krug hielten unverbrüchlich zu ihnen. Wer die Müller-Stahls bespitzelte, anschwärzte, gar aus dem engeren Bekanntenkreis, wollten sie nie im Detail erforschen; aus der Geschichte lernen, mit der Erfahrung wachsen, „keinen Knick im eigenen Rückgrat zulassen“ - eine versöhnliche Quintessenz.... Dass sie es sicher leichter hatten als viele, die der DDR entkamen, macht die Geschehnisse nicht besser, aber ein wenig erträglicher. Denn schon bald nach der Einkehr in die Bundesrepublik wurde Müller-Stahl die Rolle des Chefarztes in der Serie “Schwarzwaldklinik“ angeboten. Eine Versuchung, der er widerstand, sehr zum eigenen und zum Wohle seiner Fangemeinde. Müller-Stahl als weißgekittelter Dr. Brinkmann? Unvorstellbar.

Ob als Darsteller auf Bühnen oder vor Kameras, ob als Zeichner oder Maler, ob als Autor am Schreib- oder Musiker am Notenpult: Müller-Stahl ist ein großer, mehrsprachiger Erzähler. Die Segmente seiner Erzählkunst – Darstellung, Bild, Text, Musik – sind sich nicht fremd, stehen nicht isoliert, sie befruchten einander, bedingen sich. Aus der Vielfalt der ästhetischen Fähigkeiten wird eine Art Gesamterzählung: die Kunde vom Leben, seiner Geschichte, der Geschichten, die es schreibt, von Liebe und Hoffnung, von Angst und Not, Versagen und Erfolg, und immer wieder von Nachsicht, Verständnis und Vergebung. Kurzum, ein Gesamtwerk, das vom Geist des Humanitas getragen ist.

Aus Geschichte und Gegenwart kennen wir Menschen, die mit mehr als nur einem Talent gesegnet sind. Goethe war Denker, Dichter, Künstler; Schwitters, Kokoschka oder Barlach bewegten sich mühelos zwischen Bildkunst und Dichtung; Cocteau malte, filmte, schrieb; und Günter Grass ist Literat, Zeichner/Plastiker (und Mahner).

Vier ausgeprägte ästhetische Talente in einer Person vereint: es fällt schwer, ein zweites Beispiel in der Kulturgeschichte zu finden. Es ist, irgendwie, ein besonderes Geschenk des Himmels.
Das aber ist Armin Müller-Stahl, der es schätzt, „nicht bewundert zu werden (und schon gar nicht, bewundern zu müssen)“, denn doch zu viel des Guten. Alles, was ihm eigne, Handwerk, Beharrlichkeit, Talente, Menschlichkeit finde seine Wurzeln in der Herkunft.

„Ich bin Ostpreuße“, sagt er mit Augenzwinkern, „und hätte als solcher auch ein Baum werden können...“


Lübeck/Benz-Usedom, Frühjahr 2013
Copyright, Björn Engholm, Lübeck

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Kirchstraße 14a
Neben der Feininger-Kirche
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